Das Lebendige Netz
An einem warmen Sommerabend, die Sonne steht noch am Horizont über dem Meer, kommen Frauen und Männer aus allen Gassen und Straßen auf dem Marktplatz der kleinen Hafenstadt zusammen. Sie erzählen sich, was sie in der letzten Zeit alles erlebt haben, sie sprechen über ihre Enttäuschungen und Erfolge, über das, was sie bedrückt und was sie sich wünschen. Einige Ältere erinnern sich an frühere Zeiten – vieles ist anders geworden. Bei all dem ist an diesem Abend immer wieder der Wunsch zu hören, mit der täglichen und oft schweren Arbeit zufriedener zu sein. Die Menschen sehnen sich nach einem glücklichen und erfüllten Leben.
Man sollte, man könnte, man müsste, tönt es in dieser Runde wieder und wieder: „Wir brauchen einen neuen Strand!“ „Größere Fischerboote müssen her!“ „Wir brauchen hier Schatten, bei all der Sonne!“ „Die Altstadt muss gerichtet werden!“ Doch keiner dieser Vorschläge macht sie wirklich zufrieden. Irgendetwas fehlt, Ratlosigkeit macht sich breit.
„Das kann es doch nicht sein!“ meldet sich der alte Fischer zu Wort. „Immer mehr, mehr und mehr! Wer soll das machen? Wer soll das bezahlen? Es muss doch etwas anderes geben! Etwas, das uns wirklich voranbringt und zufrieden macht.“ Da fragt plötzlich der Straßenkehrer, der bisher all das am Rande mit verfolgt hat: „Warum gehen wir nicht zu der alten weisen Frau dort oben auf dem Berg?“ Für einen Moment wird es ganz still auf dem Marktplatz – und dann: „Ja richtig, warum nicht?“ „Sie weiß bestimmt Rat.“ „Lasst uns gehen!“ Und sie machen sich auf den beschwerlichen Weg.
„Wir brauchen deine Hilfe,“ sprechen sie die Frau recht scheu an, als sie endlich die Hütte der Alten erreicht haben. Und ihre Frage lässt sie nicht mehr los: „Wie können wir in Zukunft unserer Leben sinnvoller und erfolgreicher gestalten?“ Schweigend geht die weise Alte eine ganze Weile auf und ab. Die Spannung ist kaum noch zu ertragen. „Schaut hin, die Antwort liegt in euren Händen. Knüpft ein Lebendiges Netz.“
Mit diesem rätselhaften Spruch verlassen sie die Frau. Nachdenklich und verwirrt kehren sie zum Marktplatz zurück. Niemand weiß warum, aber ein Jeder spürt, dass er einen sehr guten und klugen Rat bekommen hat. Trotzdem fragen sie sich: „Ein Netz, ein lebendiges Netz, wie soll das gehen, ein Netz, das lebt?“ Als erster ergreift der Seilmacher das Wort: „Ich habe Seile und Schnüre zu Hause, stark, kräftig und verlässlich, damit können wir den Anfang machen.“ Die Gastwirtin des Ortes hält es auch nicht mehr auf ihrem Platz. „Auch ich trage meinen Teil bei“, hören sie alle rufen. „Ich werde dafür sorgen, dass keiner Hunger und Durst hat. Ich werde köstliche Speisen und erfrischende Getränke anbieten, die Leib und Seele zusammenhalten. Und wenn jemand müde ist, kann er sich in den wunderschönen Zimmern mit Blick aufs Meer ausruhen. Jeden Gast werden wir freundlich begrüßen und herzlich willkommen heißen, denn ein Jeder ist etwas Besonderes.“
„Wichtig ist, dass wir auf eigenen Füßen stehen,“ so tritt der Kaufmann forsch in der Runde auf. „Meine Seile stehen für gutes Wirtschaften und eine gesunde finanzielle Basis. Damit wird es gelingen. Wir werden sogar zusätzliche Arbeitsplätze hier bei uns schaffen. Und auch unsere Altstadt werden wir mit eigenen Mitteln wieder zu neuem Leben erwecken. Das wollen wir doch schon lange.“„Hieran knüpfe ich das grüne, starke Seil der Natur,“ ergänzt der Bauer. „Denn wenn wir behutsam mit der Schöpfung umgehen, übernehmen wir Verantwortung für die Zukunft.“
Auch der Pfarrer erhebt sich – etwas bedächtig – in dieser Runde: „Ich komme mit den Seilen des Vertrauens und der Wertschätzung. Diese sind stark und wir werden einander mit Achtung und Respekt begegnen. Und wenn einem etwas gut gelingt, sei es nur ein Knoten oder ein Stück, so freuen sich alle daran. Wenn etwas misslingt, so kann uns das nicht entmutigen, sondern bringt uns nur noch näher zusammen. Die tägliche Arbeit ist nicht mehr so schwer, weil wir zusammenstehen und jeder Verantwortung übernimmt. So entsteht ein Netz, das uns wie eine Hängematte trägt, und uns etwas erfahren lässt von der Menschenfreundlichkeit Gottes.“
„Und ich,“ sagt die junge Mutter, „ich füge das Seil der Wärme und Geborgenheit hinzu, damit alle merken, warum es das „Lebendige Netz“ heißt.“ Sie ist hier in dieser Stadt am Meer geboren.
„Wir brauchen auch das Seil der Ruhe und Besinnung. Helles Licht und eine freundliche Atmosphäre sind in unserem Städtchen zu erfahren. So entsteht ein Netz, dass ein Ruhepol im Getriebe der Welt ist,“ schließt sich der Philosoph an und legt ein besonders schönes Seil neben all die anderen: „Ein Seil, dass Raum gibt zum Leben und Arbeiten, zum Denken, Lernen, Meditieren und zum Entwickeln neuer Ideen. Tanzen darf hier sein, und Lachen und Weinen auch – es findet sich im ganzen Netz, auch in den Zwischenräumen“.
Mit einem Mal recken alle ihre Köpfe nach oben. Vom hohen Turm fällt etwas direkt auf den Marktplatz, bunt und schwer. An einem Seil, das er oben am Turm befestigt hat, lässt sich der Künstler herunter. Er hat sich schon oft für diese Stadt etwas Verrücktes einfallen lassen, manche Fassaden, Plätze und Räume hat er geschmückt. „Das ist das Seil der Lebendigkeit, der Bewegung und der Kreativität. Das darf nicht fehlen! Es strahlt Lebenslust und Freude aus.“
Alle sind erstaunt und ein wenig gerührt. Immer mehr Männer und Frauen wissen auf einmal wieder um ihre Fähigkeiten und Begabungen und wollen das Ihre zum lebendigen Netz beitragen.
Doch es scheint noch etwas Wichtiges zu fehlen. Nach und nach wird es ganz still.
„Das Wertvollste in unserem Netz sind doch wir selbst,“ ist ein kleines Mädchen zu hören,„die Menschen unserer Stadt. Wir sind das Lebendige Netz“ „Stimmt!“, denken alle, „jeder von uns hat Stärken und Schwächen, jeder ist wichtig und wertvoll und bringt seine Talente ein. Offenheit und Zusammenhalt werden hier mit eingeknüpft. Jeder hat seinen eigenen Platz, und ist mit Engagement und Freude bei der Arbeit. So bleiben wir nicht stehen, so entwickeln uns stetig weiter.“
Noch einmal meldet sich der Straßenkehrer zu Wort: „Jetzt ist genug geredet! Lasst uns anfangen!“ Die Menschen in der kleinen Hafenstadt finden Sinn und Zufriedenheit in ihrer neuen Aufgabe, denn jeder und jede trägt ein Stück zum Gelingen des Lebendigen Netzes bei. Und immer mehr Menschen, auch außerhalb der kleinen Stadt, erfahren davon. Immer mehr kommen und schauen und staunen. Manche beobachten das ganze Treiben kritisch und mit großer Skepsis. Sie sprechen auch weiterhin ihre Zweifel aus, ob das Werk denn wohl gelingt.
Doch schauen wir auf das, was wir bereits geleistet haben, was schon gewachsen ist.Da ist viel Gutes drin! Lasst uns zusammen halten und dieses gemeinsame Lebendige Netz knüpfen. Lasst uns mit beiden Händen zupacken und Herz und Verstand einbringen. Wenn alle mitmachen, wird eines Tages ein einzigartiges und wunderbares Gesamtwerk entstehen, unser Lebendiges Netz.



